Hinter Gittern

Ein Tag im Jugendknast.

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Für viele war der 29. Mai 2017 ein Tag wie jeder andere. Wahrscheinlich erinnert sich kaum noch jemand, dass es ein Montag war, der Anfang einer neuen Woche. Doch für 70 Insassen der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen und über 20 GORILLAs war dieser Tag alles andere als gewöhnlich. Es war viel mehr als nur der Beginn einer neuen Woche.


Als wir 2017 einen bundesweiten Wettbewerb ausschrieben, um einen gratis GORILLA Tages-Workshop zu verlosen, ahnten wir nicht wohin uns dies führt. In den Knast! Genauer gesagt in den Jugendknast, in die Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen bei Leipzig. Die Bewerbung der Insassen war so überraschend wie kreativ. Sie überzeugte absolut und war damit unser Gewinner – nicht zuletzt auch, weil wir die Vorstellung «Freestyle hinter Gittern» als eine extrem spannende Herausforderung empfanden. Wie es dazu kam und welche Erwartungen die Häftlinge an den «GORILLA-Tag» hatten, verrät Bianca Gröger, Kreativitätspädagogin in der JSA und Initiatorin der Bewerbung in diesem Interview.

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Freestyle ohne Freiheit – geht das überhaupt?

Wir wussten nicht, was uns erwartet. Trotz aller Erfahrung und guter Vorbereitung – Unsicherheit, Aufregung und Respekt begleiteten uns durch den Sicherheitscheck auf die andere Seite der Gitter.

«Wir waren nicht überzeugt, dass es gut ausgeht, doch wir waren sicher: Es macht Sinn – egal wie es ausgeht.»

Tobias Kupfer, Geschäftsführer GORILLA Deutschland

Wie begegnet man jungen Menschen, von denen viele bereits als Jugendliche zu den ‚Verlierern der Gesellschaft’ zählen? Wie motivieren und begeistern? Wie Hoffnung geben? Im Grunde wie immer bei GORILLA: auf Augenhöhe, ohne Vorurteile und mit der Überzeugung, dass jeder eine Chance verdient, auch eine zweite.


Ehrfurcht und Respekt vor dem Workshop

«Für unser ganzes Team war klar, dass dieser Workshop anders sein wird als gewohnt. Wir wollten den inhaftierten Jugendlichen einen ganz neuen Anstoß geben, um ihr Leben positiv zu gestalten und waren voller Ehrfurcht, was uns an diesem Tag erwarten würde.»

Tobias Kupfer, Geschäftsführer GORILLA Deutschland

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Mut machen und Orientierung geben

Die Ziele eines GORILLA Tages-Workshop an Schulen sind: Freude an Bewegung, gesunder Ernährung und einem nachhaltigen Lebensstil zu vermitteln. Dinge, die auf den ersten Blick im Knast eine untergeordnete Rolle spielen. Doch irgendwann kommt für jeden JSA’ler das Ende der Haftzeit. Sie werden «einfach» entlassen und sind wieder frei. Das wirklich Schwierige folgt danach – draußen bleiben. Die hohen Rückfallquoten sprechen für sich. Fast jeder Zweite landet wieder im Knast.

Ist es naiv zu glauben, dass ein Tag mit GORILLA das Leben der Insassen nachhaltig verändern kann? Vielleicht. Doch es ist realistisch, einen Impuls zu setzen, Mut zu machen und einen Ausblick geben. Obwohl die Zeit im Knast verloren scheint und man sie von niemandem zurückbekommt – es ist jederzeit möglich, sich dafür zu entscheiden, etwas anders zu machen und sein Leben in eine positive Richtung zu lenken.

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GORILLAs als glaubwürdige Vorbilder

Einige GORILLA Coaches und Botschafter*innen – die meisten Welt- und Europameister*innen in ihrer Freestyle-Sportart – kommen selbst von der «Straße». Sie haben es dank des Sports und dem damit verbundenen Lifestyle geschafft, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. Dies macht sie zu glaubwürdigen Vorbildern. Bereits nach der Begrüßungsrunde waren so aus skeptischen Straftätern aufgeschlossene junge Menschen geworden, die sich ausprobierten und freuten, wenn der erste Trick gelang.

«Es gibt keine Regeln beim Breakdance, wenn ihr tanzt, seid ihr frei.»

Moses Mwanjelwa, GORILLA Coach

Das gefiel allen und öffnete den Blick auf neue Perspektiven – auf Freiheit sowohl hinter Gittern, als auch in der realen Welt abseits der Gefängnismauern. Freestyle-Sport zeichnet sich dadurch aus, dass eigene Moves und Abfolgen erfunden werden. Es wird kombiniert, wie man will. Dabei werden Körper und Geist gleichermaßen trainiert. Das macht hungrig (im übertragenen Sinn als auch wörtlich).

In der Frühstücks- und Mittagspause gab es frische Energie – gesund, regional und alles Bio. Unsere letzte Unsicherheit verschwand, als wir sahen, wie sich die «schweren Jungs» eine Schale Cerealien sowie frisches Obst und Salate gönnten. Es schmeckte! Sie haben beim Zubereiten geholfen, es genossen und immer wieder gefragt: Was ist das? Und dies? Wie schreibt man das? Wo bekommt man das ‚draußen’?


Menschenwürde ist antastbar

Die letzte Workshop-Runde und die Green-Ateliers vergingen viel zu schnell. Niemand wollte, dass der Tag zu Ende geht. In der Abschlussrunde zeigten alle ihre neuen Skills, jeder wurde angefeuert und bejubelt. Die Stimmung in der Turnhalle lässt sich schwer beschreiben – es war etwas passiert und hing in der Luft wie eine Wolke, die darauf wartet, von der Sonne weggeschoben zu werden.

«Nichts passiert von heute auf morgen – doch es passiert, wenn du dran bleibst.»

Mario Ngouen, GORILLA Coach

Nein, dieser 29. Mai war ganz sicher kein Tag wie jeder andere. Es war ein Tag an dem Verlierer als Gewinner gefeiert wurden. Ein Tag, an dem junge Menschen Respekt erfahren haben und was es heißt sich mit Würde zu begegnen. Ein Tag, an dem sich jeder frei fühlte – trotz Gittern und Mauern. Ein Tag, der in Erinnerung bleibt?! Um die Chance zu erhöhen, sich in einem dunklen Moment an das Erlebte zu erinnern, haben wir «Spuren hinterlassen» – ein GORILLA-Graffiti im Innenhof, ein Shirt, dass jeder im Upcycling-Atelier selbst gestaltet hat, GORILLA-Kochhefte sowie Lernvideos auf unserer Website. Und: Am Tag in die Freiheit erhält jeder sein eigenes GORILLA-Säckchen, gefüllt mit Dingen, die sowohl an das Erlebte erinnern, aber auch daran, dass es jederzeit möglich ist, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben.

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Die Medien berichteten zahlreich über unseren Tages-Workshop, hier drei Auszüge:
SPIEGEL ONLINE
LEIPZIGER VOLKSZEITUNG
MERKUR


Wir sagen Danke!

Wir danken allen Partnern und Sponsoren, denn ohne sie wäre dieser Tag nicht möglich gewesen. Dankeschön auch an alle Coaches und BotschafterInnen, die sich mit Herz und Seele für dieses Projekt engagiert haben. Herzlichen Dank an Martin Luchsinger von Yeahh Productions Zürich für die emotional-eindrücklichen Filme, an Roman Frischknecht von den 48V Studios für die Vertonung sowie Vera Lutzke für die Sprachaufnahmen.

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